Viele soziale Ereignisse sind untrennbar mit dem Essen verbunden. Ein Beispiel von vielen: Geburtstage.
Es ist wirklich lange her, dass ich einen Geburtstag unbefangen genießen konnte. Sowohl Geburtstage von Familienmitgliedern oder Freunden, als auch meine eigenen Geburtstage waren die letzten Jahre sehr von der Gastroparese überschattet.
Der Kuchen ist dabei das Hauptproblem. Meistens sind diese relativ fettig, liegen schwer im Magen und werden zusätzlich nachmittags zwischen Mittag- und Abendessen zum Kaffee gegessen – eine Kombination, bei der mein Magen definitiv aussteigt. Dementsprechend stressig waren und sind solche Tage auch heute noch für mich.
Ein Beispiel, was vor meinen eigenen Geburtstagen passiert: Allein schon die Qual der Wahl darüber, welcher Kuchen es denn jetzt sein soll, bringt mich manchmal an den Rande der Verzweiflung. Ist dieser jetzt verträglicher als der andere? Sollte ich eher einen Frucht- oder einen Schokoladenkuchen nehmen? Wie wird es mir gehen, wenn ich ihn gegessen habe? Ist in diesem Rezept viel Sahne, Quark oder Butter enthalten? Schon oft kam es vor, dass ich mir vor meinem Geburtstag stundenlang Gedanken über die Wahl meines Kuchens gemacht habe und dann schlussendlich doch zu keiner Entscheidung kam.
Das ist das Szenario für meinen eigenen Geburtstag. Wenn aber beispielsweise ein Familienmitglied Geburtstag hat, habe ich nicht einmal einen Einfluss darauf, ob der Kuchen verträglich ist oder nicht. Und so kam es, dass es am Geburtstag meines Bruders letztes Jahr eine Schoko-Bananen-Torte mit sehr viel Sahne gab. Den ganzen Tag über hatte ich Probleme deswegen.

Bloß hört es beim Kuchen ja nicht auf. Häufig steht auch im Raum ins Restaurant zu gehen oder leckere Brötchen zu essen, mit Salaten als Beilage. Alles Dinge, die für mich schlichtweg kaum machbar sind.
Jetzt, da ich die Diagnose habe, wird mir immer wieder gesagt, dass ich ja nicht mitessen muss, wenn ich der Meinung bin, dass mir das nicht guttut. So würde ich das heute beispielsweise bei der Schokoladen-Torte machen. Aber gleichzeitig bringt mich das jedes Mal in eine Zwickmühle. Denn ich will ja essen. Ich liebe Schokolade über alles, auch Kuchen esse ich unfassbar gerne. Und wenn ich selbst etwas gerne essen möchte, mir dann jedoch nichts anderes übrig bleibt als meiner Familie dabei zuzusehen, wie sie den Kuchen genießen, ist das einfach wahnsinnig herausfordernd.
Besonders in solchen Momenten vermisse ich diese Leichtigkeit, die ich damals als Kind hatte. Die Leichtigkeit ohne die Gastroparese. Ich habe mich für den Kuchen oder die Torte entschieden, auf die ich spontan Lust hatte – ohne ewige „Was wäre wenn“-Szenarios zu entwerfen. Ich habe nicht darüber nachgedacht, was andere an ihrem Geburtstag als Kuchen oder Mittagessen auswählen, sondern habe mich einfach an den Tisch gesetzt und genossen, was auch immer es war. Und auch die Uhrzeit, zu der wir gegessen haben, war mir völlig egal.
Ich bin meiner Familie sehr dankbar, dass sie jetzt, da wir wissen, an welcher Krankheit ich leide, versuchen Rücksicht auf meine Bedürfnisse zu nehmen, damit ich auch (zumindest stückweise) am Essen teilhaben kann. Trotzdem ersetzt das nicht die Freiheit, die ich gerne hätte. Ich würde so unendlich gerne einfach den Kuchen essen, den ich will. Und das gleiche wünsche ich mir für meine Familie. Ich will nicht, dass andere wegen mir zurückstecken müssen.
Aber es lässt sich nun mal nicht ändern. An irgendeinem Punkt verliert man immer. Dafür ist die Gastroparese einfach viel zu unberechenbar. Denn selbst wenn wir sagen, wir backen einen „verträglichen“ Obstkuchen und gehen nicht ins Restaurant, sondern kochen zu Hause etwas ohne viel Fett oder Ballaststoffe, heißt das nicht unbedingt, dass ich damit gut zurechtkomme. Dafür sind die Symptome viel zu tagesabhängig.
Wenn so etwas passiert, versuche ich mir bewusst zu machen, dass auch wenn soziale Ereignisse viel mit dem Essen zu tun haben, es dennoch nicht alles ist. Ich kann am Tisch dabeisitzen und Kontakte zu Familienmitgliedern und Freunden pflegen, auch wenn ich vielleicht keinen Geburtstagskuchen essen kann. Und ich kann auch ins Restaurant gehen und dabei sein, wenn ich eben nur eine sehr kleine Menge esse. Ja, es ist nicht das gleiche wie wenn man wirklich die Situation voll und ganz auskosten kann, zumal ich immer noch den anderen dabei zusehen muss, wie Andere die Dinge genießen, die ich auch so gerne hätte. Trotzdem ist es wichtig, sich nicht vollständig in dem zu verlieren, was nicht möglich ist. Dann hätte die Gastroparese noch mehr Macht als ohnehin schon.
Das Beste aus der Situation zu machen, auch wenn es definitiv nicht einfach ist und den Fokus vom Essen auf andere Dinge zu verschieben ist herausfordernd. Aber es ist das einzige, was uns Betroffenen manchmal übrig bleibt. Es ist eine große Umstellung, besonders wenn man noch am Anfang steht und die Diagnose noch nicht lange zurückliegt. Dennoch bin ich mir sicher, dass es einen Weg gibt, wie ich in Zukunft solche Tage auch genießen kann. Dass es einen Weg gibt, durch den Geburtstage für mich nicht mehr angstbesetzt sein müssen.
Falls es euch ähnlich gehen sollte wie mir: Auch ihr werdet einen Weg finden. Das Leben verändert sich stetig. Und nur weil es sich verändert, heißt das nicht, dass es schlecht werden muss. Man kann auch ganz neue Möglichkeiten daraus schöpfen. Mann muss sie nur finden.
Ich bin noch auf der Suche. Und falls ihr es auch seid, drücke ich euch ganz fest die Daumen, dass ihr bald fündig werdet. 🙂

