In meinen Beiträgen versuche ich immer möglichst positiv und optimistisch zu sein. Zum einen um anderen Mut zu machen, zum anderen aber auch, um mich selbst daran zu erinnern, dass es auch an meiner Einstellung liegt, wie belastend die Situation schlussendlich für mich ist. Beim Lesen meiner Beiträge ist mir dabei aber aufgefallen, dass die Realität für mich im Augenblick deutlich herausfordernder und tränenreicher ist als es zum Teil ausgesehen haben könnte. In diesem Beitrag möchte ich ein bisschen näher auf diese Schwierigkeiten eingehen.
Die Krankheit beeinflusst nicht nur mich, sondern auch mein gesamtes Umfeld. Meine Familie (besonders meine Eltern) leiden auch sehr darunter, genau so betrifft es aber auch meine Freunde. Manchmal kommen dabei dann einige Aspekte zusammen, die sich zum Teil gegenseitig verstärken und uns alle vor große Herausforderungen stellen.
Ein erstes Beispiel dafür ist der Umgang mit der Erkrankung. Mir selbst fällt es im Augenblick noch ziemlich schwer die Krankheit und die damit verbundenen Widrigkeiten zu akzeptieren. Unfassbar oft wünsche ich mich in mein „vorheriges Leben“ zurück, in dem so ziemlich alles einfacher und unkomplizierter erscheint. Vor allem weil ich aber nicht weiß, wann (oder sogar ob) ich je wieder an einen Punkt komme, an dem mein Leben so ist wie es vor dem Beginn der Symptome war, geht es mir psychisch häufig relativ schlecht. Es ist für mich sehr belastend, diese Unsicherheit auszuhalten und ich vermisse so viele Dinge, die damals selbstverständlich waren, heute jedoch unmöglich sind.
Das wirkt sich auch deutlich auf meine Eltern aus. Sie wollen mir natürlich helfen und mich aufmuntern, wenn es mir nicht gut geht, aber in einer solchen Situation wie dieser, kommen auch sie an ihre Grenzen. Oft genug haben wir darüber gesprochen, dass die Lage im Augenblick nun mal nicht zu ändern ist, aber auch sie würden sich so gerne wünschen, mich nicht mehr jeden Tag körperlich und psychisch leiden sehen zu müssen.
Um mir zumindest ein bisschen Erleichterung zu schaffen, unterstützen sie mich aber wo sie nur können. Beispielsweise dann, wenn es ums Essen gehen oder mein Lieblingsessen Pizza geht. Beides ist für mich aktuell nicht möglich. Weil sie wissen, dass es mein Leid nur noch weiter verstärkt, wenn ich ihnen beim Essen meiner Lieblingsspeise zusehen muss, verzichten meine Eltern eben auch weitestgehend darauf und fragen inzwischen auch kaum noch nach, ob wir denn einmal ins Restaurant gehen sollen. Zum einen freue ich mich darüber, dass sie mir in dieser Hinsicht entgegenkommen, weil es die Sache für mich schon deutlich einfacher macht. Allerdings fühle ich mich dadurch auch zusätzlich ein Stück weit schuldig. Denn ist es wirklich gerechtfertigt, dass meine ganze Familie ebenfalls auf eine Sache, die sie gerne haben verzichtet, nur weil ich es nicht akzeptieren kann, dass ich mein Lieblingsessen nicht vertrage?
Ähnlich ist es bei Aktivitäten, die für mich wegen meinem starken Untergewicht nicht machbar sind. So gerne würde ich mal wieder in einen Kletterpark gehen, eine lange Wanderung oder eine Radtour unternehmen. Hierüber haben wir wirklich intensiv gesprochen und konnten wenigstens einen Kompromiss finden. Auch wenn ich um ehrlich zu sein jedes Mal extrem neidisch werde, wenn meine Familie etwas unternimmt, was ich nicht kann, will ich natürlich nicht, dass sie wegen mir keinen Spaß mehr haben können und nichts mehr wirklich erleben. Deswegen machen sie zwar Ausflüge oder gehen in den Kletterwald, allerdings bleibt immer auch jemand mit mir zu Hause, damit ich in der Zeit wenigstens nicht komplett alleine in meinen vier Wänden sitzen muss.
Aber trotzdem macht diese immerwährende Suche nach Lösungen und Kompromissen, mit denen jeder Leben kann, einfach alles deutlich komplizierter. Spontanität ist dann kaum noch vorhanden und auch diese Leichtigkeit im Umgang miteinander ist schlichtweg verloren gegangen. Ständig ist eine gewisse Anspannung da, nicht nur beim Essen, sondern auch darüber hinaus.
Für mich besteht diese Anspannung nun aber auch im Umgang mit meinen Freunden bzw. Schulkameraden. Auch sie bekommen natürlich mit, dass bei mir im Moment einiges los ist, dass es mir nicht gut geht, dass ich Monate lang nicht im Unterricht war und nun sogar das Schuljahr krankheitsbedingt wiederholen muss. Hauptsächlich bemerke ich das dadurch, dass sie sich immer weiter von mir zurückziehen. Viele von ihnen sprechen nicht mehr mit mir, behandeln mich fast so als wäre ich gar nicht da. Aber auch denjenigen, mit denen ich noch in Kontakt stehe, merkt man ihre Unsicherheit an. Dabei bin ich um ehrlich zu sein auch ziemlich überfragt darin, wie ich denn vor meinen Freunden mit der Erkrankung umgehen soll. Einerseits will ich der Sache natürlich nicht so viel Raum geben, da auch meine Freunde Bedürfnisse und Sorgen haben, allerdings steht dann trotzdem konstant der Elefant im Raum, über den niemand wagt zu sprechen.
Und an diesem Punkt komme ich immer wieder am Anfang meines Gedankenkreises an. Denn all diese Schwierigkeiten würde es mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit in dieser Form nicht geben, wenn ich keine Gastroparese hätte. Dann wünsche ich mir wieder mein altes Leben zurück, in dem es weder die Krankheit noch diese damit verbundenen Probleme gab. Aber dorthin kann ich eben nicht zurückkehren.
Ich bin sehr dankbar, dass ich nicht alleine bin mit diesen Gedanken und Sorgen, da ich von verschiedenen Seiten psychologische Unterstützung habe. Auch für meine Eltern stellt das eine Entlastung dar. Trotzdem ist es aber auch nur ein kleiner Teil dessen, dass alles vielleicht wieder etwas einfacher wird.
Die Tränen fließen trotzdem. Und das ist in Ordnung so. Ich habe lange gebraucht, bis ich mir zumindest diese Sache nicht auch noch vorgehalten habe und es mir deswegen noch schlechter ging. Weinen ist für Körper und Psyche die schnellste Art Stress abzubauen. Und ich stehe gerade in so vielen Dingen unter großem Stress. Die ständigen Symptome, der Versuch trotzdem an Gewicht zuzulegen, die Unsicherheit nach einer Perspektive, die Angst, dass auch das nächste Schuljahr wegen der Krankheit schwierig wird und mein Wunsch, meine Eltern nicht zu sehr zu belasten sind nur einige dieser Aspekte. Manchmal braucht das alles einfach ein Ventil. Und das ist okay.
Mit diesem Beitrag wollte ich aber nicht sagen, dass man sich in seinem Leid verlieren und sich voll und ganz den Schwierigkeiten hingeben soll. Ich wollte lediglich einen Einblick dahinein geben, was mich im Augenblick beschäftigt und wie es mir deshalb wirklich geht. Ich versuche dennoch weiterhin optimistisch zu bleiben und die Hoffnung auf eine Besserung nicht aufzugeben. Ich habe immer noch den festen Glauben daran, dass es mir nicht für immer so schlecht gehen wird und dass es nicht für immer so kompliziert und herausfordernd bleibt. Und weil ich diesen Glauben habe, werde ich alles in meiner Macht stehende tun, um endlich wieder an diesen Punkt zu kommen. Es wird zwar ein langer Weg, der viel Geduld fordert, aber ich weiß, dass all die Tränen und Schwierigkeiten mich später nur noch stärker machen werden.

