Wie im letzten Blogbeitrag bereits erwähnt, stand in den Pfingstferien ein seit letztem Jahr geplanter Wanderurlaub an. Nur, dass Wandern für mich aufgrund meiner gesundheitlichen Situation dieses Jahr nicht möglich sein sollte.
Auf der Suche nach Alternativen, die etwas mehr über ausschließliches Pause machen auf den Bergen hinausgehen, sind wir auf einen Reiterhof gestoßen, der ganz in der Nähe unseres Urlaubsortes liegt. Da ich vor ein paar Jahren bereits regelmäßig Reitstunden genommen hatte, dieser Unterricht jedoch wegen ungünstigen Umständen irgendwann im Sande verlaufen ist, war der Entschluss relativ schnell gefasst, dass ich es damit versuchen möchte.
Allerdings war auch diese Alternative von Zweifeln und Schwierigkeiten geprägt. Lange haben wir hin und her überlegt, ob ich die trotzdem vorhandene Anstrengung, die beim Reiten auch gegeben ist (nur eben geringer als bei einer Wanderung) wirklich schaffen kann. Schlussendlich war der Wille jedoch größer und so saß ich bereits am zweiten Urlaubstag zum ersten Mal seit fünf Jahren wieder im Sattel.
Anfangs war ich noch sehr unsicher. Die Bewegung des Pferderückens unter mir war ungewohnt und auch die Kommandos waren bei mir noch ziemlich eingerostet. Der Reitlehrer war aber sehr geduldig, hat mir viele Dinge genau erklärt und mir dadurch Sicherheit gegeben. Außerdem war Eros (das Pferd, auf dem ich geritten bin) unfassbar ruhig und unerschrocken, sodass ich mich sofort sicher fühlen konnte.
Wir sind viele Runden Schritt geritten, haben verschiedene Richtungswechsel geübt, Slalom um Hütchen herum trainiert und dabei auch immer wieder eine Stange überquert. Später bin ich auch noch an der Longe und alleine getrabt.
Die Stunde, in der ich geritten bin, verging wirklich wie im Flug. Ich musste mich so sehr konzentrieren und auf das Pferd unter mir einlassen, damit die Kommunikation funktioniert. Genau das war für mich ein wunderschönes Erlebnis. Zum ersten Mal seit langem konnte ich komplett abschalten und all die Gedanken ums Essen und meine derzeitige Situation vergessen. Und auch wenn es anstrengend war, hat die Ruhe, die Eros ausgestrahlt hat, mir geholfen mich einmal wirklich zu entspannen und die Sache voll und ganz zu genießen.
Auch in den drei weiteren Reitstunden, die auf diese erste folgen sollten, erging es mir genau so. Mit dem Reitlehrer zusammen haben wir immer weiter die Hilfengebung (Zügel, Schenkel und Gewicht) verfeinert, sodass ich noch besser mit dem Pferd kommunizieren konnte und die Zusammenarbeit somit immer besser wurde. Das Erlebnis, wenn Eros und Vihar (das zweite Pferd) ganz exakt auf meine Kommandos reagiert haben, war wirklich wunderschön. Und auch in diesen weiteren Stunden musste ich mich so sehr auf die Pferde einlassen, dass in meinem Kopf gar kein Platz für weitere Gedanken mehr war.
Die Stunden, die ich auf dem Reiterhof im Urlaub genommen habe, waren zwar normale Dressurstunden und keine Reittherapie, trotzdem hatten sie einen ebensolchen Effekt auf mich. Weil die derzeitige Situation so schwierig ist und es mir einfach noch unheimlich schwerfällt einen richtigen Umgang mit der Krankheit zu finden, waren die letzten Monate von zahlreichen negativen Gefühlen geprägt. An diesem ersten Tag hingegen, an dem ich auf Eros geritten bin, war ich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder glücklich. Das Gefühl hat sogar den ganzen restlichen Tag hinweg angehalten und sofort kam außerdem Vorfreude auf die nächste Reitstunde auf.
Und auch wenn mich die Realität inzwischen wieder eingeholt hat, der Urlaub nun schon mehrere Tage zurückliegt und morgen eine Magenspiegelung ansteht, ist noch immer ein Rest dieser positiven Erlebnisse übrig. Dieses Gefühl auf dem Pferderücken, diese Freiheit, das Einssein mit diesem unfassbar beruhigenden Wesen, kann mir niemand mehr nehmen. Es war zwar anstrengend und hat mich gewichtsbetreffend bestimmt eher weiter zurückgeworfen als vorangebracht, aber das war es allemal wert.
Es sind Erlebnisse und Erinnerungen, die das Leben ausmachen. Und auch wenn meine aktuelle Lage so kompliziert ist, will ich so viele davon sammeln wie nur es nur irgendwie möglich ist. Und auch euch wünsche ich, dass ihr es schafft, immer wieder kleine Marmeladenglasmomente zu finden, auch wenn der Alltag noch so schwierig sein mag. 🙂


